Mehr als sieben Jahrzehnte lag der künstlerische Nachlass der Dresdner Kunstgewerblerin Margarete von Liebenau im Privatbesitz ihrer Familie – 2025 ist er nach Dresden zurückgekehrt und macht das Werk einer fast vergessenen Gestalterin wieder sichtbar.
Als die Kisten mit ihren Arbeiten geöffnet wurden, kam ein beeindruckender Bestand zum Vorschein: handgefertigte Musterblumen, Zeichnungen, Skizzen, Stoffproben, Musterbücher, Kleidungsstücke und Accessoires. Über viele Jahre hinweg hatte die Familie diese Zeugnisse ihres künstlerischen Schaffens bewahrt. Fünfzehn Jahre lang bemühte sich eine Enkeltochter darum, eine Institution zu finden, die den Nachlass dauerhaft sichern kann. Schließlich gelang die Rückführung nach Dresden. Für das Jahr 2026 ist nun eine Sonderausstellung geplant, die das Werk der nahezu vergessenen Kunstgewerblerin erstmals umfassend würdigen soll.
Margarete von Liebenau, geboren am 20. November 1886 in Dresden-Plauen, wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen der Zugang zu vielen akademischen Berufen verwehrt war. Sie entschied sich für eine Ausbildung an der damaligen Kunstgewerbeschule Dresden. Diese Institution zählte um 1900 zu den wichtigsten Ausbildungsstätten für angewandte Kunst in Deutschland und bot Frauen eine der wenigen Möglichkeiten zu einer qualifizierten künstlerischen Ausbildung. Während klassische Hochschulen ihnen lange verschlossen blieben, konnten Frauen sich im Kunstgewerbe professionalisieren – einem Bereich, der die Designgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts entscheidend mitprägte.
Nach drei Jahren Ausbildung in Dresden absolvierte Margarete von Liebenau ein praktisches Jahr in Sebnitz, der sächsischen „Blumenstadt“, die für ihre Kunstblumenproduktion europaweit bekannt war. Anders als die überwiegend naturalistisch gestalteten Sebnitzer Kunstblumen entwickelte sie jedoch eine eigene künstlerische Handschrift. Ihre Arbeiten waren keine bloßen Imitationen von Chrysanthemen, Anemonen oder Rosen. Vielmehr schuf sie stilisierte, eigenständige Interpretationen, die Form, Farbe und Material bewusst neu kombinierten. Samt, Seide, Taft, Brokat, Chenille oder Chiffon wurden von ihr gefaltet, gerafft und gelegt sowie teilweise mit Perlen, Pailletten oder Silberdraht veredelt. Die Kunstblumen wirkten dekorativ, aber niemals aufdringlich – sie verliehen Kleidern und Hüten eine subtile Eleganz.
Zwischen 1918 und 1919 arbeitete sie für die Sebnitzer Firma Mey & Co. sowie für ein Berliner Modehaus. Die Entwürfe entstanden in ihrer Dresdner Wohnung; gefertigt wurden die Modelle anschließend in Heimarbeit nach ihren Vorlagen. Margarete von Liebenau war damit nicht nur Kunsthandwerkerin, sondern auch selbstständige Gestalterin mit unternehmerischem Gespür. Ihre Arbeiten fanden Beachtung in renommierten Zeitschriften wie „Reclams Universum“ oder „Textile Kunstindustrie“. Auch Publikationen wie „Gartenlaube“ und „Daheim“ berichteten über ihr Schaffen. Bereits 1906 stellte sie bei der dritten Dresdner Kunstgewerbeausstellung aus. 1918 wurde sie Mitglied im Deutscher Werkbund – einer Vereinigung von Künstlern, Architekten und Unternehmern, die sich der Entwicklung moderner Formgestaltung verschrieben hatte. Für eine Kunstgewerblerin war diese Aufnahme eine bemerkenswerte Anerkennung.
Doch wie bei vielen Frauen ihrer Generation endete ihre berufliche Laufbahn früh. 1920 heiratete sie Karl Bellmann, im darauffolgenden Jahr wurde ihre Tochter geboren. Mit nur 35 Jahren zog sie sich aus dem Berufsleben zurück. Ihr Werk geriet in Vergessenheit, obwohl es einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung moderner Modeaccessoires und der Weiterentwicklung der Sebnitzer Kunstblumen darstellt. Gerade ihre bewusste Abkehr von rein naturalistischen Vorbildern und ihre eigenständige Formensprache machen sie heute zu einer spannenden Persönlichkeit der Design- und Modegeschichte.
Der erhaltene Bestand dokumentiert eindrucksvoll das professionelle Arbeiten der Kunstgewerblerin: Musterbücher mit Stoffproben, Skizzen, handgefertigte Blüten, Geschäftsbriefe und Presseberichte zeichnen das Bild einer ambitionierten Gestalterin. Für die Geschichte der Dresdner Kunstszene, der sächsischen Kunstblumenherstellung und der Gestalterinnen des frühen 20. Jahrhunderts besitzt dieses Konvolut einen hohen kulturhistorischen Wert.
Im Zuge der Recherchen zu Leben und Werk Margarete von Liebenaus konnte das FrauenStadtarchiv Dresden auf diese Sammlung aufmerksam gemacht werden. Dort stieß sie sofort auf großes Interesse, sodass der Weg bereitet werden konnte, den Nachlass nach mehr als sieben Jahrzehnten wieder nach Dresden zurückzuführen.
Heute eröffnet dieser Bestand neue Perspektiven auf eine nahezu vergessene Kunstgewerblerin der Dresdner Kunst- und Designgeschichte. Für das Jahr 2026 ist eine Sonderausstellung geplant, die erstmals eine größere Auswahl der erhaltenen Arbeiten, Musterbücher und Dokumente präsentieren soll und damit das Werk Margarete von Liebenaus wieder sichtbar macht.
Margarete von Liebenau steht exemplarisch für viele Künstlerinnen ihrer Zeit, deren Werk durch familiäre Verpflichtungen und gesellschaftliche Erwartungen aus dem öffentlichen Blick geriet. Sie verband handwerkliche Präzision mit künstlerischer Eigenständigkeit, Tradition mit Innovation und ein feines Gespür für modische Entwicklungen. Dass ihr Werk heute wieder Beachtung findet, zeigt, wie wichtig es ist, solche Biografien neu zu entdecken und sichtbar zu machen. Die geplante Sonderausstellung im Jahr 2026 wird dazu beitragen, Margarete von Liebenau und ihre außergewöhnlichen Arbeiten wieder ins kulturelle Gedächtnis Dresdens zurückzuholen.
Quellen und Materialien
Grundlage dieses Beitrags sind Dokumente und Objekte aus dem Familiennachlass von Margarete von Liebenau, darunter Musterbücher, handgefertigte Kunstblumen, Zeichnungen, Geschäftsbriefe, Fotografien sowie zeitgenössische Presseartikel.
Berichte über ihr Werk erschienen unter anderem in „Reclams Universum“, „Textile Kunstindustrie“, „Gartenlaube“ und „Daheim“. Ergänzende Informationen ergeben sich aus Ausstellungsnachweisen, der Mitgliedskarte des Deutschen Werkbundes (1918) sowie aus Recherchen im Rahmen einer Podcastfolge über Margarete von Liebenau.